Emotionale Fallen der virtuellen Zusammenarbeit – Corona-Lehren einer Führungskraft

Veröffentlicht von Verena Hauser am

Emotionale Fallen der virtuellen Zusammenarbeit

Thomas Hauser ist ehemaliger Chefredakteur und Herausgeber der Badischen Zeitung in Freiburg. Heute arbeitet er als freier Autor. Für Sklls wirft er den prüfenden Blick einer langjährigen Führungskraft auf die emotionalen Fallen der virtuellen Zusammenarbeit.

Vorsicht vor Schwarzen Löchern

Perspektivwechsel helfen Augen zu öffnen. Nicht nur deshalb gilt es, die aktuellen Erfahrungen mit dem massenhaften Arbeiten von zuhause aus nicht nur in digitalen Kaffeepausen zu diskutieren, sondern zu dokumentieren und mit Abstand auszuwerten. Mich selbst hat diese Krise zu einem zweiten Perspektivwechsel binnen Jahresfrist gezwungen. Der erste geschah mit dem Übergang vom Journalisten, der 25 Jahre in leitender Funktion tätig war, zum freien Autor, der nicht mehr entscheidet, sondern von den Entscheidungsprozessen der Kolleginnen und Kollegen abhängig wird. Der zweite erfolgte nun durch die Ablösung überwiegend direkter Kommunikation zur digitalen. Vielleicht bin ich deshalb besonders erschrocken, wie wenig klar solche Kommunikationsprozesse ablaufen und wie viele Missverständnisse und Reibungsverluste entstehen. War mein eigenes Kommunikationsverhalten als Führungskraft ähnlich missverständlich, so die bange aber realistische Frage.

Latente Unschärfe in der Kommunikation wird in der digitalen Welt potenziert

Die Antwort liegt auf der Hand. Im Rückblick wird deshalb mancher Fehler verständlicher. Diese latente Unschärfe in der Kommunikation wird in der digitalen Welt potenziert. Dass Mails und Messanger emotionale Fallen bergen, war mir bekannt, aber bei Videokonferenzen lauern auch inhaltlich Schwarze Löcher, die nur durch eiserne Disziplin aller Beteiligten minimiert werden können. Aber, da müssen wir ehrlich mit uns sein: Die kann leider so wenig vorausgesetzt werden wie in einer Konferenz, in der sich alle direkt gegenübersitzen. In der digitalen Konferenz gibt es zudem noch mehr Möglichkeiten abzuschweifen oder auszusitzen. Wie z.B. beurteilt man aus der Distanz, ob man einen anderen gerade überfordert? Und was macht man mit gering motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auf die man keinen direkten Zugriff hat?

Emotionale Fallen der virtuellen Zusammenarbeit vermeiden durch Dokumentation und Kontrolle

Digitale Konferenzen und Arbeiten im Homeoffice erfordern deshalb konsequente Vergewisserung, Dokumentation und Kontrolle. Das heißt: Bei jedem Schritt muss nachgefragt werden, ob alle Beteiligten das auch so verstanden haben. Jedes Meeting muss mit allen Arbeitsaufträgen und den dafür Verantwortlichen dokumentiert werden. Und diese Listen müssen regelmäßig aktualisiert werden, auch um Warnsysteme zu haben, wenn und wo Projekte ins Schlingern geraten können. Für jemanden, der in 40 Berufsjahren Vertrauensarbeit schon praktizierte, als es das Wort noch gar nicht gab, sind das keine erfreulichen Erkenntnisse. Aber wahrscheinlich wird heute nur sichtbar, was auch schon früher mehr Wirklichkeit war, als wir wahrhaben wollten.

Sklls sammelt weitere Lehren aus einer unter dem Eindruck von Corona agierenden Wirtschaft. Lesen Sie auch die Lehren einer Unternehmerin zur Selbstaktivierung in der Krise.